Hubert Weber (1917 - 1997)

Erwin Hemke, Neustrelitz

Eine jede Generation steht auf den Schultern der vorhergehenden.

Der Serrahnteil des Müritz-Nationalparks gehört heute ohne Zweifel aus naturschützerischer Sicht zu den wertvollsten Lebensräumen nicht nur im Gefüge des Nationalparks, sondern weit darüber hinaus. Hätte es nicht ein Naturschutzgebiet Serrahn mit seiner zuletzt 1817,70 ha Fläche und seiner weithin sich erstreckenden Nähe zu natürlichen Abläufen gegeben, dann wäre der Nationalpark vermutlich auf die Wälder, Seen und Moore an der Müritz begrenzt geblieben. Die Entwicklung des früheren großherzoglichen Jagdgebietes, sein Durchbringen durch die verschieden Ausnutzungen oder Pläne dazu, ist ganz wesentlich durch Hubert Weber beeinflusst worden.
Dies sollte nicht in Vergessenheit geraten.

Hubert Weber


Hubert Weber wurde am 30. Januar 1917 in Halbseit b. Hansdorf im Sudetental geboren. Sein Vater war Kaiserlich-königlicher Offizier, die Mutter wahrscheinlich Hausfrau. Er wuchs zweisprachig mit den Muttersprachen deutsch und tschechisch auf. In Tropphau (Opava) besuchte er das Gymnasium und studierte anschließend an der Forstschule Eger. Fortgesetzt wurde das Studium des Forstwesens 1940 und 1941 an der Forstschule in Templin und damit die Zulassung zum Staatsdienst erlangt. Vorher war er bereits als Soldat nach Neustrelitz gekommen, wo er als Melder in der 3. Kompanie der hiesigen Wehrmachtseinheit tätig war. Bereits am ersten September 1939 wurde er schwer verwundet, indem ihn ein Granatsplitter im Rücken traf. Lange Zeit lag er in Schwerin im Lazarett. Nach der Genesung und Erlangung der Zulassung zum Staatsdienst war er im Wetterdienst der deutschen Luftwaffe tätig. Als Einsatzländer werden Holland sind Norwegen genannt. Wie sich sein Leben am Ende des 2. Weltkrieges gestaltet ist nicht bekannt. Er kehrte in die CSSR zurück und war 1946 in der Revierförsterei Tomigsdorf (Sudeten) tätig. Über die Revierförsterei Ammerfeld in Bayern kam er 1949 nach Serrahn. Hubert Weber legte Wert auf die Feststellung, dass er 1945/46 nicht im Zuge der in Potsdam beschlossenen Aussiedlung der Deutschen nach Deutschland gekommen sei. Er ließ sich später sogar von tschechoslowakischen Behörden schriftlich bestätigen, dass er nicht zu den Ausgewiesenen gehörte und deshalb jederzeit dauerhaft in der CSSR zurückkehren könne.
Wohl unter dem Eindruck der Borkenkäfer 1947 in Thüringen hatte im Frühjahr1949 die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft „Sektion Forstschutz“ die Aufgabe gestellt, in jedem der damaligen Länder der sowjetischen Besetzungszone ein Beispielrevier der biologischen Schädlingsbekämpfung mit Hilfe von Singvögeln zu schaffen. Hubert Weber war so eine Aufgabe geradezu auf den Leib zugeschnitten. Aus seiner Sudetenheimat hatte er mancherlei praktische Kenntnisse in der Stubenhaltung von Vögeln mitgebracht, aber ein Faible ist sicher auch dabei gewesen. H. Weber kniete sich in dieser Aufgabenstellung. In der Endauswertung wurde das Serrahner Revier vom Leiter der Vogelschutzwarte Seebach Karl Mansfeld als an der Spitze stehend eingeschätzt.
In Serrahn hatte Walter Karbe viele Jahre gewirkt. Vermutlich auf diesem Wege wurden Hubert Weber und Walter Gotsmann miteinander bekannt. In Archivmaterialien jener Jahre wird H. Weber einmal als "Kreisvogelschutzwart" erwähnt. Adolf Hollnagel hob in einem im Mai 1950 geschriebenen Bericht zur Naturschutzarbeit hervor, dass H. Weber eine vorbildliche vogelschützerische Arbeit leistet. In jenem Bericht wird angeführt, dass der Schweingartensee und Gr. Serrahnsee mit ihrer Umgebung Naturschutzgebiete werden müßten. Dies ist vermutlich auf H. Weber zurückzuführen.
Das Serrahner Gebiet wurde schnell als bedeutsam für die Forschung angesehen, so dass am 28. Februar 1952 der Schutz durch die Naturschutzbehörde des Landes Mecklenburg verfügt wurde. Wenig später erfolgte die Einstufung des ganzen Forstreviers als "Schonrevier". Hubert Weber hatte eine große Anzahl Nistkästen anfertigen und aufhängen lassen. Aber dabei beließ er es nicht. Er kontrollierte den Besatz, insbesondere dabei die Abhängigkeiten von den Baumarten. Für die damalige Zeit waren dies gewiss aufsehenerregende Untersuchungsreihen, die dazu führten, dass die Vogelschutzwarte Seebach Serrahn dazu auswählte, eine Zweigstelle zu werden. Am 1. Juni 1953 erfolgte die Gründung dieser Zweigstelle, Hubert Weber wurde ihr Leiter. Ein Zeitungsartikel aus der Tageszeitung "Demokrat" vom 19. 6. 1952 vermittelt einen Eindruck von der damaligen Situation.
Die durchaus als intensiv zu bezeichnende Kontakte zwischen H. Weber und W. Gotsmann waren aber nur von kurzer Dauer. Mit der Gründung der Vogelschutzstation flachten die Beziehungen ab und die Nennungen im Schriftgut gingen zurück. Weber war die Beschäftigung mit der Vogelkunde nicht mehr eine Betätigung in der Freizeit, sondern Broterwerb. Neue Aufgaben gewannen Vorrang, zu denen ein zügiger Ausbau der Station erfolgte.
Zu den ornithologischen Forschungsaufgaben kamen später jagdwissenschaftliche hinzu. Hubert Weber wurde die Aufgabe übertragen, als Bezirksnaturschutzbeauftragter zu wirken. Aber noch hatte der Wald um Serrahn nur den Schutzstatus Schonrevier. Es gelang Weber, 471 Hektar als Waldschutzgebiet einstufen zu lassen. 211 Hektar Buchen- und Traubeneichenbestände erhielten das Prädikat Naturwaldzelle. In ihnen unterblieb jede Nutzung, bis auf den Trocknisanfall. Es werden H. Weber mancherlei "krumme Touren" nachgesagt, so z.B. daß er falsche Angaben gegenüber der sowjetischen Militärkommandantur machte, um bedeutsame Waldgebiete vor dem Einschlag als Reparationsleistung zu bewahren. Berichtet wird auch, daß er dem Oberförster von Zinow samt Einschlagsbrigade entgegentreten ist, um 200-jährige Buchen vor einem Einschlag zu bewahren. Bemerkenswert ist durchaus, daß das Waldgebiet um die Ansiedelung Serrahn erst 1961 den Schutzstatus eines Naturschutzgebietes bekam, damals in einer Größe von 865 ha.
Der Ausbau der Forschungsarbeit und wohl auch der Wandel in den Ansichten zu den Zielen von Schutzgebieten brachte es mit sich, daß der Rat des Kreises Neustrelitz am 29. 9. 1977 eine Einstweilige Sicherung weiterer Gebiete vornahm, wodurch sich das NSG auf 1817 ha vergrößerte. Den Anstoß zur Vergrößerung gab aber nicht H. Weber, sondern Dr. L. Jeschke vom ILN.
H. Weber baute die ornithologische Grundlagenforschung weit aus. Es entstand die "Aktion Baltic", ein Gemeinschaftsunternehmen mit Ornithologen Polens und der Sowjetunion. Webers tschechische Sprachkenntnisse brachten es mit sich, daß die Beringung auf die CSSR ausgedehnt wurde. Wiederholt publizierte er Forschungsergebnisse aus Serrahn in Fachzeitschriften. Der Höhepunkt des publizistischen Wirkens waren die 50-er Jahre. 13 Aufsätze zum Auftreten von Kleinvögeln erschienen in Fachzeitschriften. In den 60-er Jahren waren es noch 6 und in den siebziger Jahren 3. Nun sind Abhandlungen in Fachzeitschriften gewiß nicht der unanfechtbare Gradmesser für das Wirken eines Forschenden, lassen aber doch gewisse Bewertungen zu.
Die Tätigkeit als Leiter der nunmehrigen biologischen Station umfassend darzustellen ist hier nicht der Raum, so daß es mit dieser Skizzierung seines Lebensweges ausreichen möge. Mit dem Erreichen des 65. Lebensjahres schied er aus der Leitungstätigkeit aus und verzog auch in den Raum Magdeburg. Mehr als drei Jahrzehnte hatte er in Serrahn gewirkt, so daß der Weggang Fragen auslöste. Der Wegzug ist sicher damit zu begründen, daß es eine Ehescheidung gegeben hatte und er zu einer anderen Frau zog, die einst in der Station gearbeitet hatte.
Hubert Weber war ein manchmal ausbrechender Mensch. An Versammlungen teilzunehmen war ihm gar ein Greuel. So hatte Anfang der siebziger Jahre einmal die Bezirksleitung des Kulturbundes der DDR zu einem Ornithologentreffen nach Serrahn eingeladen. H. Weber nahm nicht an der Zusammenkunft teil. Nach Fragen aus den Reihen der Besucher wurde er gesucht und auch gefunden. Er begründete sein Fernbleiben von der Tagung ganz einfach damit, daß er nicht gerne an irgendwelchen Versammlungen teilnimmt. Er blieb dann auch kaum eine Stunde. So ist es sicher auch zu verstehen, daß er an den alljährlichen seit 1970 stattfindenden Neustrelitzer Vortragstagungen "Flora und Fauna" nur einmal etwa 30 Minuten teilnahm.
Wie sprunghaft er zuweilen in seinen Schlüssen war, wurde z.B. bei einer Studienfahrt der Bezirksnaturschutzverwaltung mit den Kreisnaturschutzbeauftragten und weiteren Aktiven in das Erzgebirge sichtbar. Diese Teilnehmergruppe war mit einem Omnibus angereist, H. Weber vorweg mit einem PKW "Moskwitsch". Wie nun die Rückfahrt angetreten werden sollte, sprang der Motor des PKW nicht an. H. Weber startete mehrmals vergebens, schimpfte, stieg aus dem Auto, knallte die Tür hinter sich zu und kam fluchend in den Omnibus, um so die Heimreise anzutreten. Der PKW, ein Dienstwagen der Station, sollte stehen bleiben. Ein Exkursionsteilnehmer, selbst Besitzer eines PKW Marke "Moskwitsch", ließ sich den Schlüssel geben. H. Weber fuhr im Omnibus nach Serrahn zurück, der Exkursionsteilnehmer brachte den Wagen wieder in Gang und hinterher.
Es sind viele Episoden gewesen, mit denen H. Weber denen, die mit ihm zusammen arbeiten, in Erinnerung geblieben ist. Unbestritten dürfte aber sein, dass seine ausgezeichnete Stimmen- und Artenkenntnis bei den Vögeln sich so auszahlten, dass das NSG Serrahn mit der darin eingebetteten biologischen Station eine gewichtigen Säule der naturkundlichen Forschung wurde und damit letztendlich sich zu einem Baustein des Nationalparkprogramms von 1990 entwickelte.

Seine Arbeit wurde 1973 zum 20-jährigen Bestehen der Station mit der Verleihung der Verdienstmedaille der DDR gewürdigt. Daß Naturschützern so eine Ehrung zuteil wurde, war durchaus ein Novum. Es war ''Vogelhubert'' anzusehen, daß er sich dazu freute.
Hubert Weber starb am 20. Mai 1997 und fand seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof in Calbe.

Quellen:
1. Ragutzki, W.: 20 Jahre Biologische Station und Naturschutzgebiet Serrahn.
Naturschutzarbeit in Mecklenburg 16, 1973, H. 3, S.4-7

2. Schwabe, E.: Die Entwicklung des Naturschutzgebietes Serrahn.
Serrahn, Naturschutz, Wildforschung, Ornithologie und Heimatforschung in der Praxis. Neubrandenburg 1959, S.7-11

3. Archivbestände des KWA Neustrelitz
4. Archivbestände des NABU Neustrelitz

aus "Labus" Heft 6/1997

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