Besonderheiten der Pflanzenwelt
im Naturschutzgebiet Sprockfitz

Reinhard Barby, Feldberg

 

Das Naturschutzgebiet von 26,5 ha Größe umfaßt den Sprockfitz-See mit seinem Ufergelände und das Waldgelände um den unteren Teil des einmündenden Staugrabens. Der See ist mit seiner Oberfläche 15 bis 20 m tief in das Gelände eingelagert und bei normalen Wasserstand in 91,2 m NN 16 ha groß (Vermessung auf dem Meßtischblatt Feldberg von 1884). Er verläuft als baltischer Rinnensee von SSO nach NNW und hat einen kleineren SO-Teil, bis zu 2 m tief, und einen größeren NW-Teil, bis 9 m tief. Beide sind durch eine grabenartige Seenenge verbunden, die bereits bei mäßigen Sinken des Wasserstandes trockenfällt. Der Sprockfitz kann in seine Mulde ohne oberirdischen Abfluß im Laufe einiger Jahre gut 3 m normal ansteigen und ebenso tief fallen, ohne dass der Mensch einwirkt. Beim Höchststand (zuletzt 1970) ist er 24 ha groß, beim Tiefstand (zuletzt 1960) zerfällt er in zwei weit auseinanderliegende Restbecken von zusammen 4 ha. Die Kartenskizze S. 8 zeigt Höchst-, Normal- und Tiefstand.

Die Mulde des Sprockfitz wird nach SO, zum Feldberger Haussee hin, und nach NW, zum Hechtsee und Weitendorfer Haussee hin, von Geländebarren von je rund 15 m über dem normalen Wasserstand abgeschlossen. Die Seenmulde kann also in ihrer heutigen Gestalt nicht auf Erosion zuletzt abfließbarer Schmelzwässer des eiszeitlichen Eises zurückgeführt werden; sehr wahrscheinlich beruht sie auf das Einsinken des Bodens über spät tiefgetautem Toteis, das im Pommerschen oder Brandenburgischen Stadium der Weichselkaltzeit eingelagert wurde. Der einmündende, natürliche Staugraben, mit Mäandern tief in das Buchenwaldgelände eingeschnitten, hat in der SO-Ecke der Seenmulde einen 100 m breiten und ebenso langen, schwach kegelförmigen Schwemmkegel aus Sand aufgeschüttet.

Nach den langjährigen Beobachtungen und Untersuchungen des Verfassers ist die Ursache des großen Wechsels im Wasserstande des Sprockfitz eine nicht immer aktive Versickerung auf dem Grunde des Sees mit dem Ablauf nach NW. Tritt bei Tiefständen Luft in die Versickerungsgänge, dann ist der unterirdische Ablauf mehr oder minder lange beeinträchtigt, und der See steigt aus dem zugeführten Wasser des Staugrabens an, oft bis weit über seinen normalen Stand. Die Versickerung kommt erst wieder voll in Gang, wenn die Luft in den Versickerungsgängen geschwunden ist. Des Näheren wird dazu auf die Ausführungen des Verfassers in der früheren Zeitschrift "Natur und Heimat" 10/1961 verwiesen.

Der große Wasserstandswechsel auf dem Sprockfitz kann bis 1816 zurück belegt werden. Er ist aber zweifellos uralt und kann bis auf das Spätglazial zurückgehen.

Die Versickerung auf dem Sprockfitz ist ein rein natürlicher Vorgang, auf den der Mensch nicht eingegriffen hat und bisher auch nicht eingreifen konnte.

Die Zugänge auf dem Sprockfitz sind die Niederschläge auf die Seenfläche – durchschnittlich 615 mm im Jahr – und der Zufluß im Staugraben, der jahresgemäß trotz zeitweiligen Versiegens die Niederschläge auf den See weit übersteigt. Dieser Zufluß erfolgte früher ebenfalls im natürlichen Ausmaß als Entwässerung des Buchenwaldgebietes zwischen Feldberg und Lüttenhagen. Seit über 100 Jahren wird die Wasserführung vom Menschen beeinflußt. Die Oberförsterei Lüttenhagen legte damals in den Moorsenken des Waldes über 30 Karpfenteiche an (heute nicht mehr bestehend) und regelte deren Wasserhaltung über den Staugraben. Dieser führt seinen Namen. Etwa gleichzeitig erfolgte die große Drainage des früheren Gutes Lüttenhagen mit dem Ablauf zum Staugraben. Damit wurde dem Staugraben mehr Wasser zugeführt. Die in den letzten Jahren mehrmals vergrößerte und vertiefte Melioration der Feldmark Lüttenhagen erhöht die Abflüsse im Staugraben weit über das entfallene Ablassen der Karpfenteiche hinaus. So entstanden die gesteigerten Hochstände des Sprockfitz in den letzten Jahren.

Nun zu den Besonderheiten der Pflanzenwelt am Sprockfitz.

Der so stark wechselnde Wasserstand des Sprockfitz schafft auf den zeitweilig unter Wasser stehenden Uferhängen und zu anderen Zeitenauf den trockengefallenen Grundteilen besondere ökologische Verhältnisse für die Vegetation.

Bei der gewöhnlich rasch kommenden längeren Überflutung des Ufers geht hier der gesamte Pflanzenwuchs – mit einer hernach behandelten Ausnahme – zugrunde. Das stets nur allmähliche Fallen des Sees bildet auf den wasserfreiwerdenden sandigen Böden, angereichert durch die Ablagerungen aus dem Wasser, Neuland für viele heimische Arten, abhängig von der Verbreitungsmöglichkeit ihrer Samen. Eine Fülle von Arten siedelt sich in der Vegetationszeit darauf an. Aber bald wird von den im Wettbewerb stärkeren Arten vieles unterdrückt.

Die Schlammböden des Grundes, die bei weitgehendem Wasserfall in großen Flächen zu Tage treten, sind bei ihrer Zusammensetzung nur wenigen Arten zugänglich, die sich da in riesiger Zahl entwickeln können. Der Ufersaum, der in seiner Lage mit den Wasserständen stark wechselt, bietet den typischen perennierenden Uferpflanzen keine Existenzmöglichkeit. Hier herrscht ausgesprochen Artenarmut. Fast nur Einjähriges erscheint.

Was die oben erwähnte Ausnahme von der Vernichtung der Vegetation bei längerer Überflutung anbelangt, so handelt es sich um die Silber-Weide, Salix alba. Sie nimmt am Sprockfitz den Platz der hier fehlenden Schwarz-Erle, Alnus glutinosa, ein, die sonst alle Ufer der Feldberger Seen als Leitbaum beherrscht; sie ist solchen Wasserstandsschwankungen nicht gewachsen. Nur wenige Erlen stehen zwischen Eschen, Eichen, Espen und Birken am Hangrande des oben erwähnten Schwemmkegels, wo vermutlich unterirdische Hangquellen die für Schwarz-Erlen notwendige gleichmäßige Bodenfeuchtigkeit schaffen und sich die Seeschwankungen nicht mehr auswirken.

Die Silber-Weide und mehrere Buschweiden haben die Fähigkeit, bei längerer Überflutung des Wurzelhalses aus Adventivknospen im Stamm und an stärkeren Ästen, die unter Wasser gekommen sind, in der Vegetationszeit in Höhe des Wasserstandes Wasserwurzeln austreiben. Diese schwimmen an der sauerstoffreichen Wasseroberfläche und geben den Weiden die Möglichkeit, die Atemluft, die das Wasser im Boden von den Erdwurzeln verdrängt hat, zu ersetzen.

Viele bis zu hundertjährige Silber-Weiden, teilweise hohl und manche umgebrochen, aber noch austreibend, fassen den größten Teil des Sprockfitzufers ein. Die alten kennzeichnen mit ihrem Standort den normalen Wasserstand des Sees. Das Fahlgrün der schmalen Silber-Weidenblätter gibt den Walduferwänden des Spockfitz ihr spezifisches Aussehen. Andere Weidenarten am Sprockfitz, so die Asch- oder Grau-Weide (Salix cinerea), die Mandel-Weide (Salix triandra), und die Korbweide (Salix viminalis) zeigen bei Hochwässern gleichfalls, aber weniger ausgeprägt, das Vermögen, Wasserwurzeln zu bilden und damit die Überflutung zu überstehen, wenn sie nicht ganz unter Wasser geraten.

Fällt das Wasser wieder, dann hängen die rötlichen Wasserwurzeln von den Stämmen und den Ästen herab, sterben in der Luft ab und werden schwärzlich. Diesen merkwürdigen Behang nennt der Volksmund recht bezeichnend Wasserbärte. Das Foto S. 7 zeigt eine jüngere Silber-Weide am Sprockfitz mit solchen Wasserbärten, die obersten aus dem Hochstand von 1970, die darunter 1971 und die am Boden von 1972.

Bei Wasserfall auf den Normalstand kommen auf dem Grund des flachen Uferwassers in der Nähe der alten Weiden dicht bei dicht zahllose kurze, rötliche Wasserwurzeln fast moosartig aus dem Boden, der noch luftleer ist, und bringen den Wurzeln den Atemsauerstoff. Auch diese Wasserwurzeln verdorren bei weiterem Wasserfall.

Die in dichten Büscheln an den Weiden hängenden Wasserwurzeln, stets einheitlich in gleichen Höhen ansetzend, bilden natürliche Wasserstandsmarken aus der Vegetationszeit. Die absoluten Höchststände, die meist im zeitigen Frühjahr kommen, sind noch etwas höher. Die Bäume am Sprockfitzufer haben mit den vielen Wasserbärten bei tiefem Wasserstand, wie Ende 1972, ein ganz bizarres Aussehen. Älteste Wasserbärte sind an einigen Weiden von dem ebenfalls extremen Hochwasser von 1926/27 noch zu erkennen.
Aber das Hochwasser von 1970 übertrifft den damaligen Stand noch um 50 cm.

Labus, Heft 1-1979

 
 
zurück